INTERVIEW

Das Zahnrad neu denken – Gauthier Boisdequin, Gründer von mine&make, über seine Träume, Pläne und Motivation.

Eine Komponente, die Sie selbst gern neu erfunden hätten?

Den Dübel, ein ursprünglich einfaches Holzprodukt. Er entwickelte sich dann zum Metall- und weiter zum heute bekannten Kunststoffdübel bis hin zum chemischen Hightech-Dübel. Dieses mechanische Bauteil ist ein gutes Beispiel für ein Commodity-Produkt, das erfolgreich technologisch weiterentwickelt und für verschiedenste Bedürfnisse angepasst wurde.

Eine Komponente, die Sie heute gern neu definieren würden?

Das Zahnrad eines Pkw-Getriebes. Wie wird es zukünftig eingesetzt, was muss es dabei leisten? Verändert sich dabei seine Funktion? Was ist technologisch machbar?
Es geht mir u.a. um mechanische Bauteile, von den man sagt, dass sie kein Marktpotenzial mehr haben. Das ist meine persönliche Challenge.

Sie begeistern sich für mechanische Einzelteile?

Für mich muss ein Produkt absolut perfekt sein, sowohl für ihre Nutzer als auch für deren Anbieter, wie z.B. ein Porsche Taycan oder ein Hilti-Schlagbohrgerät. Perfektion beginnt bei den einzelnen Komponenten und ihrem Zusammenspiel. mine&make konzentriert sich auf die Einzelteile unter Verständnis des Systems.

Was hat Sie bewegt, mine&make zu gründen?

Schon als Schüler träumte ich von einem eigenen Unternehmen.
Es wird ständig über die positiven und negativen Auswirkungen der rasanten Umwälzungen in Natur, Technologien und der Gesellschaft gesprochen. Aus diesen Veränderungen ergeben sich Möglichkeiten. In mine&make sehe ich die ideale Plattform, um diese Möglichkeiten für die Entwicklung potenzialreicher Produktkonzepte zu nutzen und neue Einsatzbereiche zu finden. Es hat mich oft frustriert, dass so viel über Innovation anderer Firmen gesprochen wird, ohne den Ehrgeiz oder den Mut zu haben, sie selbst umzusetzen. Ich will zusammen mit meinen Kunden Produkte schaffen, die ihre Kategorie definieren und sie nicht nur bewundern.

Was sind Ihre ersten Erfahrungen nach dem Start von mine&make?

Die Welt der kleinen und mittelständischen Unternehmen, die mich schon in der Schulzeit faszinierte. Der persönliche Draht zum Unternehmen, kurze Wege zum Erfolg des Produkts – das ist für mich sehr spannend. Auch meine Kunden gehören zu dieser Welt. Ich schätze ihren Entscheidungsmut, ihren Pragmatismus und die persönliche Zusammenarbeit.

Das Unternehmen, das Sie gern gegründet hätten?

ARUP, ein führender, vertikal integrierter Design- und Entwicklungsdienstleister im Bauwesen. Das Unternehmen leistet seit Jahrzehnten Bahnbrechendes in der Bautechnik. Es hat einzigartige und technisch herausfordernde Gebäude, wie die weltbekannte Oper von Sydney, erfolgreich umgesetzt und Wahrzeichen geschaffen. Ove Arup, der Gründer, schuf zudem für die damalige Zeit eine revolutionäre Eigentumsstruktur – die meisten Mitarbeiter sind an der Firma beteiligt.

Ein Mentor?

Jack Lang, der Mitgründer der Raspberry Pi Foundation, Dozent an der University of Cambridge und Angel Investor. Mich beeindruckt seine Schärfe bei unternehmerischen Themen. Er hält an dem Prinzip des “Market Fit” fest, sowohl auf Produkt- als auch auf Unternehmensebene, was mir sehr am Herzen liegt. Jack Lang hat außerdem eine Rolle in der Gründung von ARM gespielt, einem Hersteller von Mikroprozessoren. Das Unternehmen hat ein vorbildliches industrielles Ökosystem auf die Beine gestellt, das Mehrwert auf jeder Ebene der Wertschöpfungskette schafft.

Was fehlt Ihnen aus der Konzernwelt?

Die unmittelbare Sichtbarkeit gegenüber Kunden und Partner. In den kleineren Unternehmen muss sie aktiv aufgebaut werden, zusammen mit dem Angebot. Das möchte ich zusammen mit kompetenten Partnern und mit digitalen Mitteln fördern.

Was haben Sie an der Arbeit in den Konzernen geschätzt?

Bei Porsche, das Streben, “best-in-class” Fahrzeuge zu entwickeln, und den Pragmatismus in der Entwicklung. Bei Continental habe ich die kulturelle Vielfalt einer internationalen Firma geschätzt – die befördert Offenheit und Kreativität.

Sehen Sie sich als Ingenieur oder Produktstratege?

mine&make ist beides. Ein gutes Produkt ist für mich nicht nur hoch innovativ, sondern auch auf dem Markt und für seinen Anbieter erfolgreich. Dafür muss das gesamte Produktkonzept betrachtet werden. Da kommen unsere Werkzeuge und Methoden ins Spiel.

Ihr persönliches Arbeitswerkzeug?

Die technische Simulation. Ich habe sie für eine Abschlussarbeit an der Uni entdeckt. Ich habe damit einen Hubschrauber modelliert und simuliert. Da kam mir die Erleuchtung – ich hatte das perfekte Werkzeug gefunden, um zu verstehen, wie ein System funktioniert, um es zu entwickeln und vor allem um es zu testen, schnell und mit nur wenigen Ressourcen. Plötzlich konnte ich ein Hubschrauber bauen, fliegen und optimieren! Unsere Data-Analytics verfolgt einen ähnlichen Ansatz. mine&make nutzt Fachdaten der ganzen Welt, um die Zukunftschancen der Produkte konkret zu verstehen und um die Produktkonzepte neu zu definieren. Ich hätte gern den Dübel neu erfunden. Wer weiß, was wir aus ihm mit unserer Data-Analytics noch an Potential herausholen können.

Was bewegt Sie dazu morgens aufzustehen?

Meine zweijährige Tochter, unser liebenswertester Wecker. Und wenn ich in meinem Team, bei meinen Kunden und Partnern die kreative Ungeduld spüre, die Leidenschaft für die Projekte in ihren leuchtenden Augen sehe, freue ich mich auf den Tag.

Wie entspannen Sie sich?

Mit meiner Familie am und auf dem Wasser, aber auch in Großstädten mit ihrer Vitalität und kreativen Energie. Ich entspanne mich beim Lesen einer guten Zeitschrift, egal ob über Technologie wie die MIT Technology Review, über Business wie die Harvard Business Review oder allgemein wie Monocle. Ich bin sehr neugierig darauf, was Großartiges in der Welt passiert. Geschichten interessanter Menschen motivieren und inspirieren mich.

Jedes Startup will die Welt verändern. Wie kann neu gedachte Mechanik helfen, Zukunftsprobleme zu lösen?

Erfolgreiche Unternehmen haben generell einen positiven gesellschaftlichen Einfluss. Ich glaube an Marktgesetze und an den Menschen. Mechanische Komponenten spielen eine Schlüsselrolle in der Übertragung der Kräfte, Momente und Bewegung. So gesehen ist die Mechanik überall, im Verbund mit „nicht-mechanischen“ Komponenten und Technologien. Mechanik weiter- und neu zu denken, kann sich auf viele Bereiche in Gesellschaft und Umwelt sehr positiv auswirken. Wir haben es in der Hand.

(Das Gespräch führte Katrin Kasch, freie Diplom-Journalistin. 27.05.2020)

ARE YOU READY TO MINE&MAKE?